Drehen in Liebe

Lausche dem Schilfrohr

Lausche dem einsamen Schilfrohr,
Atmend, seit es aus dem Binsenbett gerissen,
Eine Spielart leidenschaftlicher Liebe
Und leidenschaftlichen Schmerzes.

„Das Geheimnis meines Liedes, obwohl so nah,
Niemand kann es hören, niemand kann es sehen.
Oh, es ist an einem Freund, das Zeichen zu kennen
Und seine ganze Seele mit mir zu vereinen.
Die Flamme der Liebe entfachte mich,
Der Wein der Liebe inspirierte mich.
Willst du wissen, wie Liebende bluten,
dann lausche, lausche dem Schilfrohr.

Mevlana Jelalu'ddin Rumi

Das Drehen

In der Drehzeremonie des Semas, welche auf den großen Sufimystiker Rumi zurückzuführen ist, feiern wir den Weg des wahren Suchenden zurück zu seinem Geliebten.

Das äußere Drehen, der Drehtanz der Mevlevi, ist eines der schönsten Instrumente für Transformation, mit welchem die Lebende Schule auf dem Weg der Rückkehr arbeitet. Wir alle müssen zu unserem wirklichen Zuhause zurückkehren, welches das Zuhause des Geliebten ist. Trennung löst sich schließlich auf in Einheit und wir sehen, dass Gott und Seine Schöpfung ebenso wie Liebe, Liebender und Geliebter Eins sind. Das ist unsere wahre Geburt, der erste Schritt auf dem Wege der Rückkehr.

 

Wir drehen für Gott und die Welt

„Es ist so", sagte Süleyman Dede. „Wenn du dich drehst, dann tust du es nicht für dich, sondern für Gott. Wir drehen uns auf diese Weise, damit das Licht Gottes auf die Erde herabkomme. Indem du dich drehst, wirst du zu einem Kanal - das Licht kommt durch deine rechte Hand, und die linke bringt es in diese Welt.
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Es ist das, was ihr im Westen Alchemie nennt. Denn wenn du dich vollkommen sammelst in deinem Gebet zu Gott, dann opferst du dich selbst, wie es nötig ist. Und dann vermag das Licht, das in sich selbst die vollkommene Ordnung enthält, hindurchzuströmen auf diese Erde. Wir drehen uns für Gott und für die Welt, und es ist das Wunderbarste, was es gibt.
Wenn du still geworden bist und dein Tanz ein Gebet ist, in dem du alles, was du bist, Gott hingibst, dann gibt es im Mittelpunkt, um den dein Körper kreist, einen Punkt vollkommener Unbewegtheit. Im Wissen darum, dass es nur Ihn gibt, erfährst du dann, wie das Universum um diesen Mittelpunkt kreist. Wenn du dich drehst, dann kreisen all die Sterne, Planeten und unzähligen Welten um diesen unbewegten Punkt. Die Himmel antworten, und all die unsichtbaren Reiche reihen sich ein in den Tanz. Jesus sagte: „Wenn ihr nicht tanzt, so wisst ihr nicht, was geschehen wird." Das ist, weshalb wir uns drehen. Aber die Welt versteht es nicht. Man glaubt, wir drehen uns, um uns in eine Art Trancezustand zu versetzen. Es ist wahr, dass wir uns manchmal in einem Zustand befinden, den ihr Ekstase nennt, aber das geschieht nur dann, wenn Erkennen und Erleben eins sind. Wir drehen uns nicht um unseretwillen."

(aus „Ich ging den Weg des Derwisch" von Reshad Feild, Kapitel 10)